Festival Profil
Brecht schrieb 48 Stücke (Shakespeare 37), über 2300 Gedichte (Goethe 3000), über 200 Erzählungen (Thomas Mann 32, allerdings meist längere) und drei Romane (Kafka ebenfalls drei). Dennoch ist Brecht als Künstler nicht einfach der Kategorie „Dichter“ zuzuordnen. Brecht füllte auch Bände mit theoretischen, kritischen, politischen und philosophischen Schriften, wirkte an vier Filmen als Drehbuchautor und Regieassistent mit, von denen zwei – Kuhle Wampe und Hangmen Also Die – zu den ewigen Filmklassikern zählen, Ideen zu Filmstoffen schrieb er in unzähligen Kurztexten nieder. Er komponierte und sang seine Lieder zur Klampfe, und er war seit seinem 15. Lebensjahr in den Zeitungen sowie später in der Weimarer Republik auch im Radio präsent, u. a. mit Hörspielfassungen seiner oder Shakespeares Dramen. Kurz: Brecht war als Künstler Universalist, der alle neuen Möglichkeiten erprobte.
Sein ausgesprochenes Ziel war es, die bisherigen Grenzen der Künste zu überschreiten, sie mit den Kategorien der Veränderung und der Veränderbarkeit zu verbinden sowie im Zusammenspiel der verschiedenen Künste neue ästhetische Möglichkeiten zu erproben. Mit seinen Opern sprengte er die traditionelle Gattung, in seinen Stücken verband er Dramatik mit epischen Elementen und mit Musik. Er schuf neue Genres und führte neue mediale Techniken in die Künste ein.
Mit dem Brechtfestival Augsburg sollen die bisher vernachlässigten Seiten des Künstlers Brecht mehr in den Vordergrund gestellt werden. Dazu gehört unbedingt seine Universalität und Modernität als (Medien-)Künstler und Musiker. Aber auch die politisch-ideologische Einordnung Brechts, die seit dem Ende des kalten Krieges in der öffentlichen Wahrnehmung nicht korrigiert worden ist, muss dem Stand der Forschung angeglichen werden. Um diese Seiten Brechts bekannter zu machen, widmet sich das Brechtfestival Augsburg in den nächsten Jahren den Themen Film und Medien (2010), Musik (2010) und Politik (2012). Grundlegendes zu diesen Schwerpunkten hat Brecht noch in seiner Augsburger Zeit formuliert.
Um zu zeigen, wie groß Brechts Bedeutung in der heutigen Kunstszene ist, werden nicht nur Stars der deutschen Schauspielriege nach Augsburg geladen. Jedes Jahr sollen auch aktuelle Brechtinszenierungen und -interpretationen in das Festival integriert werden – 2010 die „Männergespräche“, eine Kultinszenierung aus dem Theater im Palais Berlin, sowie ein Mini-Gastspiel des Berliner Ensembles, das sich in die Brechtnacht am 9. und 10. Februar fügt. Einen aktuellen Bezug hat auch Hermann Beils Lesung von Texten Stefan Brechts, der im April 2009 verstarb und im November 85 Jahre alt geworden wäre.
Wie fruchtbar Brechts Werk für heutige Künstler ist, zeigen Gespräche mit Theater- und Filmregisseuren, Schauspielern und Medienexperten. In Konzerten und Lesungen wird deutlich spürbar, dass Brechts Werk von jungen Künstlern immer weiter fortgeschrieben wird. Wichtig für das künstlerische Konzept des neuen Brechtfestivals sind auch experimentelle Veranstaltungsarten und verschiedene Formen der Publikumsbeteiligung. Brecht selbst forderte in einer modernen Medien- und Kunstwelt die Grenze zwischen Konsumenten und Produzenten zu verwischen – dies geschieht über den Festivalzeitraum hinaus durch Workshops (z. B. „Junge Poeten Live!“) und Wettbewerbe („Kino mit Distanz“).
In den dreizehn Festivaltagen soll Brecht in all seinem Facettenreichtum, seiner Aktualität, aber auch in seiner Unbequemlichkeit und Widersprüchlichkeit wieder in seiner Heimatstadt lebendig werden. Brecht verlangt, die Kunst müsse vor allem Spaß machen und gleichzeitig beitragen zur größten aller Künste, zur Lebenskunst. Mit dem Festival versuchen wir, diesem Ziel gerecht zu werden.

