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WERKSTATTTAG BRECHT UND BENJAMIN

Walter Benjamin und Bertolt Brecht verband eine Freundschaft, in der wie in einer Konstellation Momente der Kunst und des Denkens im zwanzigsten Jahrhundert aufscheinen: ein Theater des neuen Zeitalters, eingreifendes Denken, die Möglichkeit politischer Kunst, Philosophie gegen den Strich, poetisches Sprechen im Gedicht des Klassenkampfs. Einen kurzweiligen Tag lang sollen Denkfiguren erkundet werden – in Impulsreferaten, Vorträgen, zugewandten Gesprächen und kontroversen Diskussionen.  

Von und mit Prof. Dr. Erdmut Wizisla (wissenschaftliche Leitung des Werkstatttages und Leiter des Brecht- und des Benjamin-Archivs in Berlin), Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann (Theaterwissenschaftler und Germanist), Helene Varopoulou (Kunst- und Theaterkritikerin, Übersetzerin), Friederike Heller (Regisseurin).

Datum: 08.03.2017
Zeit: 12.00 – 19.00 Uhr
Ort: Sensemble Theater
Tickets: 15 / 12 € (erm.)  HIER

ABLAUF

12.00 Uhr     
Begrüßung durch den Festivalleiter Patrick Wengenroth  

12.15 Uhr 
Impulsvortrag vom Leiter des Brecht- und Benjamin-Archivs Prof. Dr. Erdmut Wizisla  

12.30-13.00 Uhr     
Gespräch „Eingreifendes Denken in Theorie und Praxis“ mit Prof. Dr. Erdmut Wizisla und der Berliner Regisseurin Friederike Heller, die für das Brechtfestival 2017 die Eigenproduktion „Krise ist immer“ in Kooperation mir der Akademie der Künste in Berlin produziert.  

13.30-15.00 Uhr     
WERKSTATTGESPRÄCHE, erster Durchgang  

15.00-16.00 Uhr     
Pause mit einer Auswahl an Speisen und Getränken  

16.00-17.30 Uhr     
WERKSTATTGESPRÄCHE, zweiter Durchgang  

17.30-18.30 Uhr     
Informeller Abschluss mit Getränken und Gesprächen im Foyer und an der Bar des Sensemble Theaters  

Jeder Teilnehmer des Werkstatttages hat die Gelegenheit, sich aus den drei angebotenen Werkstattgesprächen zwei auszusuchen.

WERKSTATTGESPRÄCH I

BRECHTS LYRIK
mit Prof. Dr. Erdmut Wizisla

In seinen 1938 geschriebenen „Kommentaren zu Gedichten von Brecht“ ging Benjamin von der Klassizität der Texte des Dichters aus. Wie begründete er dieses Vorurteil? Was sagte er über Brechts Gedichte? Welchen Merkmalen galt seine Aufmerksamkeit?

Gelesen und erörtert werden die Kommentare zu den Gedichten „Gegen Verführung“, „Vom armen B. B.“, „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ sowie zu dem im Tagebuch 1938 erwähnten Stalin-Gedicht „Ansprache des Bauern an seinen Ochsen“.  

Prof. Dr. Erdmut Wizisla (geboren 1958), Studium der Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1994 Promotion. Er leitet das Bertolt-Brecht-Archiv und das Walter Benjamin Archiv, beide Akademie der Künste, Berlin, und publizierte zahlreiche Bücher und Aufsätze zu Benjamin, Brecht, Uwe Johnson und anderen.  

WERKSTATTGESPRÄCH II

BRECHT, BENJAMIN, STALIN und die FREIHEIT DER KUNST
mit Helene Varopoulou

Die Gesprächsnotizen Walter Benjamins von seinen Treffen mit Brecht 1934 und 1938 gehören zu den faszinierendsten intellektuellen Dokumente der finsteren geschichtlichen Epoche, der sie entstammen. Noch heute ist das Studium politisch und ästhetisch lehrreich, wie zwei der brillantesten Köpfe jener Zeit in und aus der Verzweiflung heraus Politik und die Aufgabe des Intellektuellen reflektieren. Ein besonderer Reiz dieser Texte ist dabei durch die indirekte Wiedergabe der Äußerungen Brechts gegeben. Wie der subtile, feinsinnige Gestus der Benjaminschen Schreibweise den in der Diskussionen manchmal betont groben Stil des Dichters wiedergibt, ist oft von großer Komik.

Als Übersetzerin dieses fulminanten Dokuments der Zeitgeschichte wird Helene Varopoulou zu einen die Mikrostruktur der Aufzeichnungen Benjamins an einzelnen Beispielen erläutern und zum zweiten eine Einführung in die griechische Brechtrezeption geben.  

Anhand einzelner Passagen, vorwiegend von 1938, werden dann die wiederkehrenden bohrenden Fragen herausgearbeitet, die unter veränderten Vorzeichen heute wieder aktuell sind: wie kann der Dichter und im weiteren Sinne der Intellektuelle sich verhalten, wenn die ‚eigenen‘ (mehr oder weniger marxistischen) Positionen untrennbar sind von der Stalinschen Herrschaft? Wie steht es in diesem Dilemma um die Freiheit der Kunst?  

Helene Varopoulou, geboren 1945 auf Kefallonia. Studium der Rechtswissenschaften in Athen sowie der Theater-, Kunst- und Medienwissenschaften in Paris. Ab 1974 als Theater- und Kunstkritikerin Zusammenarbeit mit diversen griechischen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften, insbesondere mit der Zeitung To Vima (Athen). Kuratorin zahlreicher Kunstausstellungen. 1984 - 1992 Vorsitzende der griechischen Abteilung des Internationalen Theaterinstituts (ITI). Gründung und Leitung des Festivals von Argos/Peloponnes (1992 - 1997). Seit 1993 künstlerische Beraterin der Athens Concert Hall (Megaro Mousikis). Von 2000 - 2008 Leitung der Sommerakademie des Griechischen Nationaltheaters. Lehrbeauftragte u. a. an den Universitäten von Athen, Patras, Thessaloniki und Frankfurt am Main. Wichtigste Übersetzerin von Heiner Müller ins Griechische. Weitere Übertragungen, u. a. der PERSER des Aischylos. Essays und Studien u. a. zu Heiner Müller und Bertolt Brecht.  

WERKSTATTGESPRÄCH III

PROLETARISCHES KINDERTHEATER und EPISCHES THEATER“
mit Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann

Es wurde selten die Auffälligkeit recht gewürdigt, dass eine der radikalsten Theaterkonzepte des vergangenen Jahrhunderts, das „Lehrstück“ oder besser: Lernstück Brechts, als ein Theater für Kinder und Jugendliche entworfen wurde, als Theater für Schüler und Lehrlinge, dann erst auch für politische Aktivisten. Walter Benjamin hat noch vor seiner Begegnung mit Brecht 1929 das „Programm eines proletarischen Kindertheaters“ verfasst, inspiriert von seiner Leidenschaft für Asja Lacis, eine russische Revolutionärin und Pädagogin. Dieses Programm weist enge Beziehungen zum Brechttheater auf, so dass von hier aus Brechts Idee des Lehrstücks mit Hilfe von Walter Benjamins Ideen zum Kindertheater neu lesbar wird. Wir werden Auszüge aus dem Programm-Text und ebenso aus den beiden Versionen von Benjamins Aufsatz  „Was ist das epische Theater?“ gemeinsam lesen, um uns auf diesem Wege einen genaueren Zugang zur Frage nach dem Politischen im Theater heute zu verschaffen.  

Hans-Thies Lehmann, Professor für Theaterwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (emeritiert); Präsident der Internationalen Brecht Gesellschaft; Vorstandsmitglied der Heiner Müller Gesellschaft; Editorial Board der Zeitschrift „Performance Research“; 1982-87 Mitarbeit am Aufbau und Lehrtätigkeit am Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen; Aufbau des Studiengangs Dramaturgie der Goethe-Universität Frankfurt/Main; zahlreiche internationale Lehrtätigkeiten. Publikationen (Auswahl): „Theater und Mythos“ (1991); „Postdramatisches Theater“ (in 25 Sprachen übersetzt) (1999); „Das Politische Schreiben“ (2002); „Heiner Müller Handbuch. Leben – Werk – Wirkung“ (2004, Mit-Hg.); „Theater in Japan“ (2006, Mit-Hg.); „Tragödie und dramatisches Theater“ (2013). Zahlreiche Publikationen zu Brecht, zum Gegenwartstheater, Theorie und Ästhetik des Theaters.  

Allgemeine Infos zum Werkstatttag siehe auch hier.

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